Interview mit Brigitte Lösch (MdL Baden-Württemberg)

Mehr Frauen in MINT. Mehr Frauen in SAP.

11. Dezember 2019 // 5 min Lesezeit

Baden-Württemberg geht voran. Die Studie „Frauen in Informatik“ des CHE Centrums für Hochschulentwicklung würdigt die Programme, die im Südwesten gestartet wurden. Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch engagiert sich seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung. Im Interview bewertet sie, was bisher erreicht wurde, und macht den Handlungsbedarf deutlich, der nach wie vor besteht.

Frau Lösch, haben all die Förderprogramme tatsächlich eine Wirkung?

Brigitte Lösch:  "Dass Programme zur Förderung von Frauen in MINT-Berufen wirken, ist unbestritten. Konkret kann man das ablesen im Bilanzbericht des Bündnis ‚Frauen in MINT-Berufen‘, das 2011 von der Landesregierung Baden-Württemberg sowie 24 Spitzenvertreterinnen und -vertretern aus zahlreichen Organisationen ins Leben gerufen wurde. Demnach stieg die Zahl der Absolventinnen in der Informatik von 2010 bis 2015 mit 77,7 Prozent weit überdurchschnittlich im Vergleich zu 41,9 Prozent bei den männlichen Absolventen. Die Zahl der Erwerbstätigen Frauen in MINT-Berufen in Baden-Württemberg stieg zwischen 2012 und 2016 von 213.000 auf 247.000 und damit um fast 16 Prozent. Ähnliche Zahlen sehen wir in den Bereichen Mathematik/Naturwissenschaften und ebenso in der Technik. Den höchsten Anstieg gab es in der Informatik, in diesem Bereich erhöhte sich die Zahl der erwerbstätigen Frauen von 16.000 auf 26.000, dies ist ein Anstieg um 62,5 Prozent.“

Frauen müssen vorkommen.

Was muss zusätzlich passieren? Wo ist Handlungsbedarf?

In einer von Microsoft in Auftrag gegebenen Studie wurden junge Frauen zwischen 11 und 30 Jahren in zwölf europäischen Ländern befragt. Sie zeigt deutlich auf, dass Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern in Deutschland nicht genug gefördert werden. Nach den Ergebnissen der europaweit angelegten Studie beklagt jedes dritte Mädchen, dass naturwissenschaftliche Themen und Informatik fast ausschließlich anhand von Beispielen aus der Jungs-Perspektive erklärt würden. In der Schule und in den Medien mangelt es an Vorbildern. Noch immer gibt es zu viele Lektionen, zu viele Zeitungsartikel und Fernsehsendungen über MINT-Themen, in denen keine einzige Frau vorkommt. Bittet man Fünf- bis Achtjährige, eine forschende Person zu malen, so zeichnen sie beinahe gleich viele Frauen wie Männer. Je älter die Kinder werden, desto ungleicher wird das Bild. Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren malen nur etwa 25 Prozent Frauen, heißt es im neuesten MINT-Nachwuchsbarometer der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. In den Köpfen der meisten Jugendlichen sind typische Forschende immer noch männlich. Das ist ein Problem, denn in der Pubertät verhalten sich Menschen besonders geschlechterkonform. Zugehörigkeit ist ein wichtiges Ziel. Wer will als Teenie schon Außenseiterin sein?“

Wie kann man gegen diese festen Zuschreibungen angehen?

Das Klischee-Bild vom asozialen Nerd, der in seinem Labor einsam vor sich hin werkelt, hält sich hartnäckig. Wir müssen Mädchen und Jungs bewusst machen, dass Forschung meist hochkommunikative Teamarbeit ist. Hierbei kann institutionelle Berufs- und Studienberatung helfen. Sie ist aber nicht die einzige Lösung. Damit ein Paradigmenwechsel stattfinden kann, muss auch weibliche Geschichte erzählt werden.“

Erzählen Sie gerne.

Informatik ist ein Berufszweig, der ursprünglich komplett von Frauen besetzt war. In den vierziger bis zu den sechziger Jahren waren noch etwa 90 Prozent aller Programmierer und Systemadministratoren weiblich. Bei IBM gab es in Gehaltsverhandlungen sogar die Begriffe ‚Girl Hours’ und ‚Man Hours‘. Programmierung war Frauenarbeit und hatte den Ruf, langweilig und dröge zu sein. Viele Männer betrachteten sie als stupide und monoton. So kam es, dass vor allem junge Frauen mit mathematischen Fähigkeiten und logischem Denkvermögen für Programmiertätigkeiten eingesetzt wurden. Das sind Geschichten, die in deutschen Klassenzimmern nicht erzählt werden. Junge Mädchen erfahren im Geschichtsunterricht auch nichts davon, wie viele hochbegabte Code-Knackerinnen nach dem zweiten Weltkrieg, als sie nicht mehr gebraucht wurden, einfach ausgemustert und zurück an Heim und Herd geschickt wurden.“

Die Geschichte der IT ist weiblich

Als in späten siebziger Jahren die ersten Desktop-PCs auf den Markt kamen, beschenkten viele Eltern ihre Kinder mit den Geräten. In Familien, in denen ein PC für die ganze Familie gekauft worden war, fand das Gerät überdurchschnittlich oft seinen Platz in den Zimmern von Söhnen – und so gut wie nie im Kinderzimmer der Töchter. Väter zeigten ihren männlichen Nachkommen den Umgang mit den Geräten und brachten ihnen grundlegende Programmierkonzepte bei. Im Gegensatz dazu mussten Mädchen, teilweise vehement, darum kämpfen, dabei einbezogen zu werden.“

Ist das heute anders?

Heute benutzen Mädchen Computer genauso selbstverständlich wie Jungs, aber in der Berufswelt herrscht immer noch weitgehend Geschlechtertrennung. Vorstellungen zur beruflichen Eignung sind eng mit stereotypen Rollenmustern verknüpft. Dadurch beschränken sich junge Frauen und Männer in ihrer Wahl auf wenige Berufe. Das muss sich ändern. Wir müssen auch sogenannte Frauenberufe für Männer öffnen. Wir brauchen Männer in pädagogischen Bereichen, in Bereichen von Kindertageseinrichtungen. Wir brauchen Erzieher, Grundschullehrer und Männer im Pflege und Gesundheitsbereich genauso wie wir Frauen in MINT-Fächern brauchen.“

Was würden Sie sich von der Gesellschaft wünschen?

Eine gendersensible und zeitgemäße, stereotypenfreie Lehreraus- und -fortbildung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich die Bilder in den Köpfen ändern. Ein Sinneswandel in der Gesellschaft kann aber nicht von oben verordnet werden. Programme sind gut und wichtig, aber sie können angestammte Männerdomänen mit ihren gewachsenen Machtstrukturen, Privilegien und Ritualen nicht durchbrechen. Junge Frauen brauchen Ermutigung. Viele Frauen, die Naturwissenschaften studieren, hatten zuhause ein Elternteil mit naturwissenschaftlichem Beruf. Aber was ist mit all den anderen, die eigentlich Talent für ein MINT-Fach hätten? Sie sehen zu wenig Wissenschaftlerinnen in Schulbüchern, Medien und bei der Vergabe von Wissenschaftspreisen. Diejenigen Frauen, die sich trotzdem für einen männerdominierten Beruf entscheiden, sehen sich dann im Berufsleben schwer zu überwindenden Hindernissen gegenüber. Fragt man die Ingenieurinnen hierzulande nach der Einschätzung ihrer Berufsmöglichkeiten, sprechen sie immer noch von fehlenden Aufstiegschancen und der fehlenden Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Nur 7 Prozent sind der Meinung, dass sich Beruf und Familie gut vereinbaren lassen, so eine aktuelle VDI-Umfrage.“

Worauf sollten die Unternehmen schauen?

Neben politischen Maßnahmen wie Förderprogrammen in Schulen und Universitäten brauchen wir zum einen familienfreundlichere Unternehmen und auf der anderen Seite entsprechende Infrastrukturen wie Kitas und Ganztagesschulen, um die Familienfreundlichkeit oder Vereinbarkeit zu leben. Unsere Unternehmen müssen flexibler werden. Das bedeutet: Teilzeit auch für Männer, geteilte Führungspositionen. Wir haben nach wie vor viel zu wenig Frauen in Führungspositionen. Deswegen brauchen wir die Quote. 52 Prozent der Gesellschaft sind Frauen, deshalb gibt es keinen Grund, weshalb in irgendeinem Unternehmen oder irgendeinem Gremium weniger als 50 Prozent Frauen sein sollten. Eine Quote hat direkte Auswirkungen und ist ein ganz normales Personalentwicklungssystem. Wenn ich weiß, dass ich so und so viele Prozent Frauen in einem bestimmten Bereich brauche, dann finde ich die auch, denn dann gehe ich mit einer ganz anderen Sicht an die Personalauswahl. Wenn man sich mal anschaut, wie viele Quotenmänner wir in allen Bereichen der Gesellschaft haben, wie viele Männer nur auf Positionen kommen, weil sie ihre Männernetzwerke haben, kann man mit Fug und Recht von einer versteckten, aber real existierenden Männerquote sprechen.“


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